20091214

Fucking concept of „cool“. oder: Das Ständige Coole Tribunal


Was zur Hölle meint man eigentlich, wenn man etwas “cool” findet? Jeder verwendet das Wort, jeder scheint zu wissen, was es anzeigt. Signifikant kennt jeder, Signifikat hat noch niemand gesehen, Referent ist sowieso seit Jahren tot. Ich will hier aber keine pseudo-linguistische Abhandlung schreiben (pseudo-linguistisch weil ich verdammt noch mal keine Ahnung von „genre“ „narrativ“ „style“ „lexus“ „syntax“ undwasweißich habe, und ehrlich gesagt auch gar nicht haben möchte. Linguistik sucks. punkt).

Worum es mir viel eher geht, ist dieses ewige Bestreben „cool“ zu sein. Ein Unterfangen, dass jeden reflektierenden Menschen vor ein unweigerliches Dilemma stellt: tue ich bewusst etwas um „cool“ zu sein, macht mich das vor mir schon wieder so lächerlich, dass ich extrem „uncool“ bin – und leide (durch schämen). „Echte Coolness“ (was zur Hölle das auch immer ist) kommt also von „innen“ (wo zur Hölle das auch immer ist). Aber woher weiss man das? Wie erkennt man das? Sind die „coolen“ Menschen nur Poser, die sich des künstlichen Charakters ihrer „Coolheit“ bewusst sind, ihren Stolz geschluckt haben und fröhlich und bewusst drauf los posen? Oder sind sie zu dumm, um ihre eingenen Motive zu durchschauen? In beiden Fällen wären sie extrem „uncool“. Und trotzdem: es gibt ohne Zweifel verdammt „coole“ Menschen. Und ich gehöre so was von ganz eindeutig nicht dazu: ich schlafe gerne und viel, töte Zeit mit …[was ist das Verb für das Betrachten von Serien und Filmen am Laptop die auch über diesen heruntergeladen worden sind? „Fernsehen“ ist es ja nicht wirklich], lebe in einem verregneten Nest im Norden Englands, war noch nie in Berlin (und habe auch nicht vor dort hin zu fahren, verdammt nochmal), ich gehe zu H&M, ich gehe nie alleine in eine Bar, ich vermeide sozialen Konflikt, bin angepasst. Ich bin fm4-grünwähler-akademiker-mainstream. Kein Binnen-I weil (labile) männliche Identität. Ich habe also noch nicht mal meine Geschlechtsidentität dekonstruiert.

Aber zurück zu dem gewollten „cool sein“ bei gleichzeitiger Unmöglichkeit genau jenes Konzept näher zu definieren. Ich stelle aus Langeweile jetzt einfach mal eine völlig undurchdachte und ununtermauerbare These auf: der Wunsch „cool“ zu sein ohne zu wissen was das eigentlich ist, ist ein Geniestreich des Neoliberalismus. Neoliberalismus = da bist du selber schuld. Neoliberalismus = die Zeiten sind hart. Neoliberalismus = das Boot ist voll. Eine (Gouverne-)Mentalität, welche die Kontrolle, Bewertung und Ausrichtung des Verhaltens des zum Individualismus verurteilten Subjekts nach Innen verlagert, welches ohnehin schon überfordert ist, bei gleichzeitiger Nicht-Definition des Grundprinzips („Coolness“). Dies führt unweigerlich zu einer doppelten Selbstkontrolle und Selbstdisziplinierung des Subjekts. Letzteres muss selber definieren, was „cool“ ist, die eigene Definition ständig neu überdenken und gleichzeitig das eigene Verhalten unaufhörlich dieser kontingenten, vermeintlich individuellen Bestimmung von „Coolness“ unterwerfen. Das Foucault’sche „ökonomische Tribunal“ war gestern, meine Generation muss vor das „coole Tribunal“. Ganze Industrien basieren auf diesem gelee-artigen Konzept: Medien aller Art stellen Informationen zur Verfügung, die man braucht um seine Definition von „Coolness“ täglich zu überprüfen. „Coolnes“ kann gekauft werden. Muss gekauft werden. Denn bei aller Unklarheit ist eines klar: wer nicht konsumiert ist schon mal ganz eindeutig „uncool“. Armut ist „uncool“. Der Abgefuckt-Chique ist in manchen Kreisen „cool“, kostet aber. Denn echt abgefuckt stinkt einfach nur. Oder war der eine Penner, wegen dem noch Stunden später die U-Bahn nach Pestbeulen und Eiter stinkt jemals „cool“? Nö, der ist einfach nur ekelig. Abgefuckt von Diesel ist aber mal richtig „cool“. AAAAAHHHHH!!!!!
Wie gesagt wird „cool sein“ im Moment der Reflexion ohnehin unmöglich. Warum schreibe ich diesen Text? Warum investiere ich Zeit? All das ist Selbstdarstellung – warum? Um selber „cool“ zu sein?! Und genau in dieser Sekunde hasse ich mich dafür, schäme mich und bin uncool. Werde ich weitermachen? Na Sicher.

1 comment:

  1. fyi:
    http://www.hipsterrunoff.com/2009/12/meme-content-breakdown-the-evolution-of-the-hipster.html

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